Tanz auf dem Vulkan

Tanz auf dem Vulkan

Europapremiere von Beijing Dance Theater

Was muss man sich unter zeitgenössischem Tanz aus China vorstellen? Was heißt Contemporary Dance made im Reich der Mitte? Zuerst einmal, dass man von dort entschlossen gen Westen blickt. Man orientiert sich. Modern Dance ist in China ein immer noch neues Thema. Schließlich wurde es Choreografen und Tänzern erst mit den Reformen der 1980er Jahre möglich, eigene Ensembles ins Leben zu rufen und ein eigenes Bewegungsvokabular zu entwickeln. Dieses spielt mit verschiedenen Stilen. Mit traditionellen Elementen der "inneren" Kampfkunst und Bewegungslehre des Tai Chi, mit Figuren des klassischen Balletts und orientiert am kraftvoll maskulinen Tanzstil von Ikonen des westlichen Modern Dance wie etwa José Limòn. Und ebenso an deren dramatischen Choreografien. Das ist auch bei Wang Yuanyuan nicht anders. Die zu den renommiertesten Ballettmeistern Chinas zählende gelernte Tänzerin wuchs in Peking auf, studierte Choreographie an der Beijing Dance Academy und machte - go west! - ihren Master of Fine Arts an der School of Dance des California Institute of Arts in Los Angeles. Die gut trainierten Tänzerinnen und Tänzer des von ihr 2008 gegründeten Beijing Dance Theater sind in ihrem Tanzdrama "Haze" hautnah am Puls der Zeit. Das Stück verlässt sich auf ein karges Bühnenbild und einen grauen Schaumstoffboden, der die teils akrobatischen Einlagen und "Fallstudien" des Ensembles abfängt. Die sumpfige Anmutung dieses Untergrunds ist aber parallel dazu auch sinntragendes Element in einer Choreografie, die sich inhaltlich der vielfältigen und weltweiten wirtschaftlichen und ökologischen Krisen der letzten Jahre annimmt.

 

Angetrieben von der ziemlich mächtigen zeitgenössischen Sakralmusik eines Henryk Gorecki und später von den eher heiteren treibenden elektronischen Klängen von Biosphere taumeln, rollen, fallen, kriechen und kollabieren die bewegten Figuren des Tanzdramas auf dem sprichwörtlich unsicheren Terrain. In der bewegten Metapher für das Jetzt wird das Thema Umweltzerstörung mit dem Aspekt spiritueller Konfusion in Zeiten sozialer und individueller Krisen verknüpft. Das bedrohlich lodernde Feuer auf der Bühne symbolisiert fortgeschrittene Industrialisierung und Luftverschmutzung. Es könnte aber durchaus der Vulkan sein, auf dessen Rand die Menschheit ihr vielleicht letztes Tänzchen wagt.

 

Aber natürlich leuchtet noch in aller Trübnis ein Licht und verbreitet Hoffnungsschimmer. "Haze" erkundet das ideelle Ringen um einen wegweisenden Pfad aus der Dunkelheit. Perfekt in Szene gesetzt von zwei weiteren Meistern ihres Faches. Den Lichtdesigner Han Jiang und den Bühnendesigner Tan Shaoyuan holte Wang Yuanyuan schon im Gründungsjahr an Bord des Beijing Dance Theater.